Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich diesen Eintrag anfangen soll. Tatsache ist, dass ich mich immernoch nicht von Avatar erholt habe. Tatsache ist aber auch, dass ich mich gezwungen sehe, nach meinen skeptischen Kommentaren Stellung zu beziehen.
Es ist so: ich hatte recht. Die Geschichte ist platt und abgedroschen, die Charaktere wenig besonders, der Bösewicht ein wandelndes Klischee und fast jede Wendung vorhersehbar.
Leider (oder vielmehr: Halleluja!) lag ich auch komplett daneben. Wer sich fragt, wo seit Star Wars die SciFi-Epen denn hin sind, hat in Avatar den Heiligen Gral gefunden.
Die Handlung ist schnell erzählt: der von der Hüfte abwärts gelähmte Marine Jake Sully (Sam Worthington) wird dazu auserkoren, auf dem Mond Pandora die Kontrolle über einen Avatar zu übernehmen. Avatare sind aus der DNA der Eingeborenen Na'vi gezüchtete Körper, in die das Bewusstsein eines Avatar-Piloten übertragen wird und die so ferngesteuert werden. Dies soll helfen, das Verhältnis zu den Na'vi zu verbessern, damit sie den Abbau eines wertvollen Erzes auf ihrem Land gestatten. Der Kommandierende des Militärs auf Pandora, Colonel Quaritch (Stephen Lang), zieht es allerdings vor, die Na'vi schlicht und ergreifend zu beseitigen. Sehr bald muss sich Jake Sully entscheiden, auf welcher Seite er steht: auf der Seite seines eigenen Volkes oder auf der Seite der naturverbundenen Na'vi und der stolzen Neytiri (Zoë Saldana).
Interessant - und wirklich beeindruckend - ist, dass James Cameron es schafft, die dünne Story in den Hintergrund rücken zu lassen. Das soll nicht falsch verstanden werden: die Story ist nicht nebensächlich, sie dient nicht als loses Band, das beeindruckende Special Effects miteinander verbindet, sie ist nicht bloß schmückendes Beiwerk. Sie ist schlicht und ergreifend nur ein Aspekt eines Gesamtkunstwerks, das mehr ist als nur die Summe seiner Teile. Sie bietet genug Bekanntes, dass man sich sofort auf sie einlassen kann, wobei Cameron es schafft, die meisten klischeehaften Szenen, die man erwartet, geschickt zu umgehen und mit einigen gut getimten Lachern zu würzen. Gleichzeitig bindet er den Zuschauer langsam und ungezwungen an die Charaktere, so dass man, wenn die Zeit des großen Finales gekommen ist, nicht anders kann als laut mitzujubeln und angespannt die Kinosessellehne zu umfassen.
Das wichtigste Werkzeug, das Cameron dabei zur Hand nimmt, ist der Mond Pandora selbst. Die vollständig im Computer erzeugte Welt ist voller Leben. Keine Spur liebloser animationen, alles atmet, leuchtet, pulsiert. Fliegende Berge, eine durchweg glaubwürdige, manchmal witzige und oftmals gefährliche, aber immer wunderschöne Flora und Fauna lässt die Kinnlade nach unten klappen. Cameron nimmt sich Zeit, den Zuschauer in die Welt einzuführen (man merkt, dass er die Jahre davor nur Dokumentationen gedreht hat, was Pandora nur noch "echter" wirken lässt) und schnell beginnt man, sich gemeinsam mit Jake Sully in diese Welt zu verlieben.
Abgesehen davon wird der 3D-Effekt hier so eingesetzt, wie es sein sollte: einzelne Details werden hervorgehoben, Szenen akzentuiert, der Landschaft Tiefe verliehen, aber immer ohne sich aufzudrängen. Wer die Chance bekommt, sollte ihn unbedingt in 3D sehen.
Neben der visuellen Seite haben tatsächlich auch die Dialoge etwas zu bieten, denn es gibt einige sehr wirksame One-Liner. Allerdings gibt es auch Zeilen und Szenen, bei denen man innerlich zusammenzuckt. Die durchwegs solide Leistung der Schauspieler lässt dies jedoch schnell vergessen. Vor allem Sam Worthington und Zoë Saldana leisten beeindruckendes. Als Na'vi wirken beide völlig überzeugend und lebendig, so dass man sich als Zuschauer durchaus manchmal fragt, wie Cameron so schnell diese Wesen züchten konnte.
Was mich allerdings am meisten positiv überrascht (und begeistert) hat: Cameron hat davon abgesehen, die Naturverbundenheit der Na'vi auf überesoterische und mystische Weise zu beleuchten. Trotz aller Klischees und Naturliebelei driftet der Film niemals ins schmerzhaft absurde ab. Und - am allerbesten - Avatar ist ein grundsolider Science-Fiction Film.
Und neben aller Science, neben allen Klischees hat Avatar auch noch ein absolut rundes, gewaltiges und zufriedenstellendes Finale zu bieten, das tatsächlich Lust auf einen zweiten Teil macht.
Letztendlich ist es so: wer meint, dass ein guter Film ein abgefilmtes Theaterstück ist, sollte einen weiten Bogen um Avatar machen. Wer aber Star Wars, Herr der Ringe und Matrix mochte, begeht ein Verbrechen, wenn er sich diesen Film nicht in 3D auf der großen Leinwand ansieht.
Wie einer unserer Leser schon in einem Kommentar bemerkte: Avatar ist träumen mit offenen Augen.
Kommentare
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Danke für diese konstruktive Kritik! Und an Thomas: ja, kann ich verstehen, würde auch gerne dort hin ...
Markus
Mein eigener Kommentar..
Hab "Pathos" falsch geschrieben, Gott bin ich eine Rechtschreibluftpumpe......
Avatar....
Ich bin zwar vom Grundsatz her kein Fantasy und SciFi-Fan, aber das war in meinen Augen Top-Unterhaltung, mit Action und Phatos. Man kann in der Nachbetrachtung zwar sagen dass ab und zu ein wenig zu viel des Guten gemacht wird. Aber während des Films kommt man nicht auf solche Gedanken, weil man keine Zeit zum Verschnaufen hat. Mich hat Avatar gefesselt und lässt mich so schnell nicht los. Wenn ich ehrlich sein darf..... ich will auf nach Pandora.....
Thomas Schröder
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