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Wie ein wilder Stier

Nachdem Martin Scorsese mit New York, New York weder bei den Kritikern noch beim Publikum einen Erfolg verzeichnen konnte, zweifelte der Sohn italienischer Einwanderer an seinem filmischen Können. Gut, dass Robert De Niro, mit dem Scorsese kurz zuvor seinen Durchbruch Taxi Driver gedreht hatte, ihn zu der Verfilmung der Boxerautobiographie Jake La Mottas überreden konnte. Scorsese war vom Boxersetting nicht sonderlich angetan, sah aber in der Geschichte La Mottas die großartige Gelegenheit einen weiteren Film über eines seiner motivischen Lieblingsthemen zu machen: den inneren Kampf einer zwiespältigen Persönlichkeit. Nach unerwartet langen Dreharbeiten konnte Wie ein wilder Stier 1980 endlich in die Kinos gebracht werden.

In intensiven Schwarzweißbildern erzählt Scorsese den Aufstieg und Fall des Mittelgewichtboxers La Motta. Anstatt seinen Weltmeistertitel zu verteidigen, pöbelt sich der chronisch eifersüchtige Choleriker durch die Bars New Yorks und macht sich damit nicht gerade Freunde. Sowohl sein Bruder (Joe Pesci) als auch seine Frau (Cathy Moriarty) werden von ihm permanent niedergemacht, bis sich beide von ihm abwenden. Aufgedunsen und dauerhaft angetrunken wird La Motta letztendlich verhaftet, weil ihm die Verkupplung einer Minderjährigen in seinem Nachtclub vorgeworfen wird.

Scorsese fragmentiert die Geschichte La Mottas durch wiederkehrende Sequenzen aus dem Boxring. Mit schonungslosen Nachaufnahmen und der Verfremdung der Zeitlupe stilisiert der passionierte Regisseur den Kampf zu einer blutigen Choreographie, beschönigt dabei aber nie die Brutalität und Härte der Boxer - bis das Blut in die Gesichter der Zuschauer spritzt. Farbe setzt Scorsese lediglich für Heimvideosequenzen der jungen La Motta Famile ein. Diese wirken fast idyllisch, verstärken aber gleichzeitig den verstörenden Effekt der körperlichen und verbalen Gewalt. Selbstzweck ist die explizite Darstellung dieser Brutalität bei Scorsese jedoch nie, vielmehr wird damit gekonnt der innere Kampf des zerstreuten Protagonisten verdeutlicht, der auf der Suche nach Anerkennung weder mit Ruhm noch Niederlage umzugehen weiß.

Wie in den meisten seiner Filme verwendet Martin Scorsese gezielt christliche Symbole, so endet Wie ein wilder Stier mit einem Auszug aus dem Johannes-Evangelium: "Das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe." Erkenntnis und das Streben nach dieser wird hier als universelles Grundbedürfnis manifestiert, nach der es stets zu streben lohnt. La Motta erkennt allerdings erst in der Einsamkeit der Gefangenschaft die zerstörerische Auswirkung seiner Egomanie - späte Besinnung oder verpasste Chance?

Hier der Trailer:

50 Filme: Wie ein wilder Stier ist ein selten intensives Filmerlebnis, welchem es gelingt die Brutalität des Kampfes mit der Philosophie der Erkenntnissuche kunstvoll zu verbinden.

TNT-Serie