Der Vampir ist seit den fortwährenden Erfolgen der Teenieromanzen der ‚Twilight' Filmserie einerseits, als auch der preisgekrönten HBO-Serie True Blood andererseits wieder mitten im Zeitgeist angekommen. Grund genug, sich bei TNT Film einem der bedeutendsten Vampirfilme zu widmen, der wie die eben genannten Beispiele auf einem Roman basiert: Neil Jordans Interview mit einem Vampir. Die ursprüngliche Kurzgeschichte, die darauf basierende Romanvorlage des Films als auch wesentliche Teile des Drehbuchs stammen aus der Feder von Anne Rice, die im Anschluss an die Verfilmung noch weitere Romane mit den gleichen Hauptfiguren schrieb.
Die Handlung beginnt in der Gegenwart mit einem Interview eines Mannes, der von sich behauptet, ein Vampir zu sein: Seine Geschichte beginnt Ende des 18. Jahrhunderts in Louisiana, als der todessehnsüchtige Plantagenbesitzer Louis (Brad Pitt) dem Vampir Lestat begegnet. Lestat (gespielt von Tom Cruise) sieht in ihm einen würdigen Begleiter und macht ihn zum Vampir. Doch Louis kann sich an die Jagd und den Konflikt, Menschen umbringen zu müssen, um überleben zu können, nie wirklich gewöhnen. Erst als Lestat ein kleines Mädchen zum Vampir macht, findet Louis eine Lebensaufgabe darin, Claudia (Kirsten Dunsts Durchbruch als Schauspielerin)zu erziehen und zu beschützen. Die innige Beziehung der beiden führt zum Mordkomplott gegen Lestat und auf eine Reise zu den Vampiren der alten Welt, nach Paris. Dort begegnet Louis dem Vampir Armand (verkörpert durch Antonio Banderas), zerwirft sich aber mit den dortigen Vampiren, was für alle Beteiligten verhängnisvolle Folgen hat.
Der Film und seine Handlung sprengen in mehrfacher Hinsicht den Rahmen dessen, was bis dahin als ‚Vampirfilm' bekannt war: Interview mit einem Vampir ist ein historisches Epos, ein Beziehungsdrama und nur als einer seiner Aspekte ein Film mit Vampiren. Dabei ist die Rolle Lestats die des Mannes von Welt, der gewissenlos seinen Hunger stillt und Louis der trotzige Jugendliche voller Weltschmerz, der nicht morden kann und unbewusst eine starke erotische Ausstrahlung hat. Das Vampirkind Claudia hat ein sadistisches Vergnügen am Essen, leidet aber darunter, zu jung gestorben zu sein um ihren sexuellen Hunger stillen zu können.
Neben der Charakterisierung der Figuren ist die Ewigkeit des Vampirlebens für die Handlung ein geschickter Kunstgriff. So kann der Film mit den gleichen Charakteren mehrere hundert Jahre umfassen und die gesellschaftliche Entwicklung parallel zu ihrer persönlicher zeigen. Außerdem webt der Film unerwartete Räume miteinander: Der Beginn in den Südstaaten spielt mit Anleihen aus der Southern Gothic Literatur, mit schwülen Sümpfen, überwucherten Friedhöfen, Gottesfurcht und Voodookult. Lestats Auftauchen in Louis' Leben führt die beiden auf aristokratische Bälle, auf denen sie dekadent ihren Trieben folgen können. Die Reise Louis' und Claudias nach Paris zu Armand und den dortigen degenerierten und intriganten Vampiren im Theater und in den Katakomben wiederum lässt die homoerotische Anziehung zwischen Armand und Louis aufblühen, während die gotische Romantik der Räume die Vergänglichkeit der Vampire aufzeigt. Schließlich in der Gegenwart angekommen, lebt Louis einsam und zurückgezogen und sehnt sich gelegentlich nach der Stille der Südstaaten zurück.
Interview mit einem Vampir ist ein starbesetzter Blockbuster, der sich hingebungsvoll aus Genres und Atmosphären bedient, um daraus ein dichtes und mitreißendes Meisterwerk zu schaffen. Der Film erweitert das Genre des Vampirfilms und ergänzt den Kanon um eine Geschichte, die sich fernab von Transsylvanien abspielt und trotzdem den Grundmotiven Blut, Sex, Tod und Unsterblichkeit mehr als gerecht wird.
50 Filme, die man sehen muss, bevor man stirbt: Wem all die guten Gründe nicht reichen, sei nur soviel gesagt: Brad Pitt als Vampir!