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Fargo

Es ist Winter, die Landschaft ist kaum zu erkennen, ein blasser Schleier aus Nebel und Dunst lässt lediglich Umrisse erahnen. Das Licht eines einsamen Autos verschwindet kontrastarm in der trüben Luft. Die Tiefenschärfe muss einer matten Schicht aus unreinem Weiß und dumpfem Blau weichen. Joel Coen inszeniert den Mittleren Westen der USA als mysteriöse Schneewelt zwischen Idylle und Trostlosigkeit, der er die kleinbürgerliche Spießigkeit holzverkleideter Räumlichkeiten gegenüber stellt. Die Symbiose dieser beiden unbehaglichen Stimmungen bildet das Grundgerüst des skurrilen wie auch schonungslosen Kriminalfilms, zu dem Joel gemeinsam mit seinem Bruder Ethan Coen das Drehbuch geschrieben hat - angeblich inspiriert von einer Zeitungsnotiz. Die Brüder, selbst aus dem Mittleren Westen der USA stammend, bringen ihr gemeinsames Werk 1996 in die Kinos und erhalten noch im selben Jahr die Goldene Palme von Cannes in der Kategorie 'Beste Regie'. Benannt ist der Film nach dem Ort, an dem das Übel der Geschichte beginnt: Fargo.

In dieser kleinen provinzialischen Stadt North Dakotas engagiert der unvermögende und hoch verschuldete Autohändler Jerry Lundegaard zwei Kriminelle, die seine Ehefrau Jean entführen sollen. Das Lösegeld will Jerry von seinem reichen Stiefvater - der gleichzeitig sein Chef ist - erpressen und es dann unter den Beteiligten aufteilen. Dabei verheimlicht Jerry die tatsächliche Höhe des Lösegeldes - eine Millionen Dollar. Doch selbst bei der Wahl seiner Komplizen scheitert Jerry kläglich: Zwar gelingt es den grobmotorischen Ganoven Jean zu entführen, allerdings richten sie bei der Umsetzung des Plans ein regelrechtes Blutbad an. Um die Mordserie aufzuklären nimmt die unscheinbare aber smarte Polizeichefin Marge Gunderson die Fährte auf, obwohl sie hochschwanger ist. Während ihr geliebter Ehemann zuhause Postkartenmotive malt, ermittelt Marge eifrig und stur durch den erbarmungslosen Winter, dessen helle Oberfläche nach und nach mit roten Blutspuren verziert wird.

Bei der Besetzung ihrer Hauptrollen setzen die Coen-Brüder nicht auf Stars sondern auf unverbrauchte und markante Charakterdarsteller: Als skrupellose Gauner überzeugen Peter Stormare und Steve Buscemi. In William H. Macy finden die Coens die perfekte Besetzung für den verzweifelten Jerry. Frances McDormand wird für ihre überzeugende Darstellung der liebenswert wunderlichen Polizeichefin Marge sogar mit einem Oscar für die Beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet.

Mit seinen grotesken Charakteren, unvorhersehbaren Wendungen und stimmungsvollen Bildern etabliert Fargo endgültig den eigenwilligen Coen-Stil, der auch späteren Filmen wie The Big Lebowski, No Country for Old Men, Burn After Reading und A Serious Man zu Ruhm und Ehre verhelfen soll. Doch Fargo ist nicht nur ein erfrischend origineller Kriminalfilm sondern auch ein relevantes Stück Filmgeschichte. Den Coen-Brüdern ist es gelungen mit ihrem sechsten gemeinsamen Spielfilm einen beispielhaften Vertreter der filmhistorischen Postmoderne zu drehen.

Dabei muss vor allem das für die Postmoderne typische Zitieren hervorgehoben werden: So wird das Genre des Kriminalfilms in Fargo nicht nur aufgegriffen sondern soweit überzogen, bis es fast nur noch als Zitat zu erkennen ist: Die Charaktere sind entweder auf überzeichnete Klischees zurückzuführen - wie die überbrutalen Gauner - oder stellen Genre konträre Prototypen dar - die hochschwangere Polizeichefin als Heldin. Sowohl Dramaturgie als auch Ästhetik des Kriminalfilms werden stilisiert. Somit wird eine Distanz erzeugt, die sowohl die coole Stimmung des Films betont, als auch die Grausamkeit der Verbrechen abstrahiert, dadurch bleibt dem Zuschauer das Lachen nicht gänzlich im Halse stecken - eine Glanzleistung.

Hier der Trailer:

50 Filme: Fargo ist nicht nur ein bedeutender Klassiker der postmodernen Filmgeschichte, sondern vor allem ein schaurig schöner Film, an dem sowohl Cineasten als auch Kinofans ihre helle Freude haben werden.

TNT-Serie